Keine Ahnung, wer ich bin

Ich habe echt lange überlegt, mit welchem Blogpost ich starten werde. Gar nicht so einfach, weil wirklich tausende Ideen in meinem Kopf sind. Irgendwann habe ich dann entschieden, von dem zu erzählen, was mich lange beschäftigt hat. Es soll eine Möglichkeit sein, mich und meine Ansichten besser kennenzulernen. 

Ich würde behaupten, dass ich mich und mein Verhalten ganz gut und vor allem ständig selbst reflektiere. Vielleicht das ein oder andere Mal zu viel… etwas Selbstkritik eben. Ich mache Fehler (wie wir alle) und ich lerne daraus, so gut ich kann. Ich verhalte mich natürlich auch mal falsch, das passiert jedem, aber ich versuche, dass mir das kein weiteres Mal passiert. Ja und ich mache schlechte Erfahrungen und nehme daraus das mit, was ich für die Zukunft gebrauchen kann.

Irgendwo ganz sinnvoll, jedoch nur, wenn  man seinen Fehlern und auch den Dingen, die nicht immer so schnurgerade laufen, nicht zu viel Wert schenkt. Fehler passieren, sollten sich aber nicht wiederholen. Alles kein Drama, wie ich finde.

Kurzer Rückblick

Wenn ich mich rückblickend mal neutral bewerten sollte, muss ich zugeben, dass mein Leben eigentlich immer recht katastrophal war, viel mehr war ICH oft wirklich katastrophal (meine Mom würde das hier jetzt strickt verneinen, aber sie ist eben meine Mom): Schreckliche Schülerin – zu aufmüpfig, nie wirklich erfolgreich was Noten betrifft, kein Fach in dem ich wirklich durchgehend glänzen konnte. Menschen kamen und gingen – ok, das ging wahrscheinlich nicht nur mir so. Auch nicht, dass ich schrecklich pubertär war.

Ich habe tausende Hobbys ausprobiert, sei es sportlicher oder musikalischer Natur… von Orgelanschaffung bis zu Reitunfällen war alles dabei (und jaaa ich war ein Pferdemädchen… bleibt man dann im Herzen wahrscheinlich sein Leben lang). Meine Eltern haben das tatsächlich genau so mitgemacht – ungelogen: ohne mit der Wimper zu zucken. Ich bin ihnen so dankbar dafür, dass ich mich komplett ausprobieren durfte. Nichts war ihnen zu aufwendig oder absurd. Ja irgendwie war nichts so wirklich das Richtige. Und hatte ich tatsächlich mal etwas gefunden, dass Potential hatte mich länger als zwei Monate zu begeistern, gab es andere Gründe, wieso es doch nicht lange funktionieren sollte.

Sich einer Rolle zuordnen

Ich habe einfach oft mehrere Anläufe für alles gebraucht und wirklich einer Passion zuordnen konnte ich mich nicht. Nichts hat mich lange begeistert. Eine sehr lange Zeit war ich total unglücklich deswegen. In meinen Augen war nämlich jeder um mich herum „Sportler“ oder „Musiker“ oder „Künstler“ oder „das Überbrain“ und ich war in nichts wirklich besser als Durchschnitt. 

Ich habe das Gefühl, heutzutage glaubt der Mensch, er muss sich ganz klar einer Rolle zuordnen. Beruflich und auch privat. Ich finde toll, wenn das manchen Menschen so leicht fällt. Jedoch glaube ich, die wenigsten leben in schwarz ODER weiß, entsprechen ihrer festen Rolle, der sie zu 100% gerecht werden und wo es keine Abschweifung gibt. 

Klar gibt es Standpunkte, bei denen ich mich auch klar positioniere und wo es meiner Meinung nach auch keine Diskussion gibt, Beispiel Rassismus. Bei solchen Themen finde ich es sehr wichtig, dass wir ganz klar den gegnerischen Standpunkt vertreten und das Ganze offen thematisieren.

„Es macht dich nicht zu einem besseren und wertvolleren Menschen, nur weil du dich einer bestimmten Gruppe oder Rolle zugehörig fühlst.“

Aber manchmal kommt es mir einfach vor, als wollten Menschen sich einer Gruppe, Einstellung oder Ansicht plakativ zuschreiben, um eben zu irgendetwas dazuzugehören. Fakt ist aber, es macht dich nicht zu einem besseren und wertvolleren Menschen, nur weil du dich einer bestimmten Gruppe oder Rolle zugehörig fühlst. Wenn jemand vegan lebt, aus Rücksicht der Umwelt und/oder den Tieren gegenüber, aber seine Mitmenschen schlecht behandelt, ist das Ganze damit ja nicht ausgeglichen. 

Bist du eigentlich Veganerin?

Warum ich das ganze überhaupt thematisiere? Ich werde so oft gefragt: bist du jetzt Veganerin oder nicht? Keine Ahnung was ich bin. Ich bin in erster Linie mal ein Mensch, der nicht einsieht, dass wegen ihm Tiere sterben müssen. Ich bin ein Mensch, dem Ernährung sehr wichtig ist und der einen Großteil der Gesellschaft dafür verachtet, dass sie unreflektiert Lebensmittel konsumiert. Was ist denn ein Veganer? Ist er lediglich ein Mensch der keine tierischen Produkte isst? Oder beinhaltet der „Verzicht“ mehr, was auch den Gebrauch betrifft: Produkte, die an Tieren getestet werden, Lederware… Ich will damit einfach sagen: ab wann bin ich jemand, dem man solch einen Titel gibt? Ab wann bin ich es nicht mehr? Und wer definiert solche Etikettierungen? Keine Ahnung welches Beispiel hier passt. Aber gibt es nicht immer sogenannte Grauzonen? Gehört also nun zum Vegan sein auch immer automatisch die passende Kosmetik und Kleidung? Und wirft man mit der Entscheidung vegan zu leben seine alten Lederschuhe weg? aus Prinzip?

„Ab wann bin ich jemand, dem man solch einen Titel gibt?“

Was ich sagen will: wenn jemand komplett ohne tierische Produkte lebt und sich als Veganer bezeichnet, schließen Menschen schnell daraus, dass er ein achtsamer Mensch ist. Das ist er aber doch nicht automatisch alleine aus diesem Grund.

Ein perfektes Leben weg von der Grauzone?

Ganz krass: ich glaube, so gut wie niemand von uns ist perfekt was seinen Lebensstil angeht. Da gehört so unfassbar viel dazu: Ernährung, Mitmenschlichkeit, Bewusstsein und Achtsamkeit der Umwelt und dem Umfeld gegenüber, und und und….

Ich habe lange daran zu knabbern gehabt, dass ich meine Prioritäten nicht immer ganz eingehalten habe. Ob es das tägliche Sportprogramm war oder eben meine Ernährung. Ich war manchmal echt enttäuscht von mir. Somit war ich auch nie eine Veganerin, da ich eben nicht alle Vorsätze immer makellos einhalten konnte. Mir liegt die Umwelt am Herzen und trotzdem fliege ich ins Ausland, weil ich gerne mehr von der Welt sehen möchte.

Habe ich mich deshalb damit selbst verraten? Meine Prioritäten gebrochen und meine zugeschriebene Rolle nicht erfüllt? Das Bild, das andere von mir haben nicht erfüllt?

Ich behaupte, dass niemandem immer alles gelingt. Niemand erfüllt das Idealbild, besonders nicht, das was von außen an ihn gestellt wird. Eine richtige Ernährung für sich und die Umwelt einzuhalten, keinen Müll zu produzieren, andere Länder nicht durch eigenen Konsum auszubeuten, bzw. solche Firmen zu unterstützen, seinen Mitmenschen tadellos gegenüberzutreten… schafft das jemand ohne Ausnahme? Immer?

„Ich behaupte, dass niemandem immer alles gelingt.“

Behalte dein Ziel im Auge! Vielleicht gelingt es dir ja.

Heute bin ich davon überzeugt, dass es schon lohnenswert ist, sich Mühe zu geben mit dem was man tut und einfach nach all den Normen zu streben die einem wichtig sind. Nur weil man nicht immer alles schafft, was man sich vornimmt, ist man nicht gleich gescheitert. Wenn man nur das Ziel im Auge hat und jeden Tag wieder und wieder versucht, sein bestes zu geben, hat man so viel gutes getan, wo andere Menschen direkt die Augen davor verschießen, weil sie es ja doch nicht schaffen könnten.

Ich habe nie gesehen, was ich schon alles geschafft habe. 13 Jahre ohne Fleisch, Fisch oder Wurst – ausnahmslos. Jeden Tag mit dem Ziel loszugehen, die Menschen um mich herum gut zu behandeln. Hab ich vielleicht nicht ausnahmslos geschafft, aber sehr oft, hoffe ich.

„Ich habe nie gesehen, was ich schon alles geschafft habe. 13 Jahre ohne Fleisch, Fisch oder Wurst – ausnahmslos.“

Was das jetzt mit dem Thema meines misslungenen Zuordnungsprozesses in der Jugend zu tun hat? Schließlich habe ich ja immer noch keine Rolle für mich gefunden. Und das möchte ich auch gar nicht mehr. Ich habe meinen Weg gefunden, Musik zu machen, der mich glücklich macht. Meine Stimme ist das Instrument, für das meine Begeisterung nie verflogen ist. Sport mache ich immer mal wieder, mal mehr, mal weniger, meistens Yoga, aber mir ist auch mal nach mehr Action. Wie es mir eben gerade gut tut.

Versuch es! Aber bitte mit Leidenschaft.

Es geht nicht darum, wer du bist, sondern was du tust. Und wie oft haben wir auch schon von Menschen mit angesehenen Berufen oder Betitelungen gehört, die ihre angeblichen Normen mehr als missbraucht haben.

Wenn ich eines begriffen habe, dann dass niemals wirklich zählt, wie gut wir in Dingen sind. Dass uns nicht ausmacht, was wir erreicht haben, was wir können und worin wir unfehlbar sind. Und ganz besonders geht es nicht darum, was andere darüber denken oder wie sie uns gerne hätten. Es geht darum wie leidenschaftlich wir all diese Dinge tun. Dass wir es täglich versuchen und unseren Ansporn nicht verlieren, sondern ihn nutzen, unser bestmögliches zu geben. Dass wir Ziele ansteuern, so gut wir es können. Wie sehr wir lieben können und unseren Weg, den wir gehen, mit Stolz gehen, dankbar sind und uns immer wieder begeistern können. Dass wir die Augen nicht verschließen, sondern uns öffnen für das, was um uns herum geschieht. Dass wir Menschen anstecken und uns nicht verschließen davor, angesteckt zu werden. Dass wir uns aber eben nicht über andere stellen sondern teilen wollen, wofür wir brennen.

„Es geht nicht darum wer du bist, sondern was du tust.“

All unsere Erfahrungen, unser Misslingen, Versuchen, Aufgeben, Ansteuern, Umdenken – es formt uns und macht uns aus. Würden wir niemals Fehler machen, würden wir niemals an ihnen wachsen, würden nie bei uns ankommen und wissen, was wir uns für unser Leben wünschen und was wir brauchen. Und wie sagt man so schön: am meisten lernen wir doch aus unseren Fehlern.

Selbstliebe ganz ohne Rolle

Bei sich selbst zu sein bedeutet, sich selbst zu lieben und zu akzeptieren und anderen die Möglichkeit zu geben das auch zu tun. Auch mit Fehlern. Dazu brauchen wir keinen Titel oder irgendeine Rolle, die uns selbst nicht annähernd beschreiben kann.

„Aufgeben oder ignorieren kann jeder, weiter an sich arbeiten, das tun nur die wenigsten.“

Ich war in allem immer durchschnittlich und vor allem nie perfekt und habe begriffen, dass das überhaupt nichts Schlechtes ist. Darauf bin ich mittlerweile am meisten stolz. Denn aufgeben oder ignorieren kann jeder, weiter an sich arbeiten, das tun nur die wenigsten. Diese vielen Dinge, die ich ausprobiert habe – viele von ihnen habe ich zu meinen gemacht, manche eine Zeit lang, andere eben nicht. Perfekt sein heißt für mich, alles mit einem inneren Strahlen zu versuchen und stolz auf diesen Versuch zu sein. Ich will so sein, wie ich es will. Im besten Fall sogar mit Erfolg. Einfach man selbst zu sein statt „Hetero“, „Veganer“, „Anwalt“, „Sportler“ oder „Großstadtmensch“.

Denn ich habe keine Ahnung, wer ich bin. Aber damit bin ich ganz zufrieden.

8 Kommentare

  1. Annika 24. Oktober 2018 at 5:38 pm

    Liebe Mäggi, vielen Dank für diesen Einblick in das Unentschlossen-Sein und vor allem in das Glück, das aus deinen Worten strahlt. Ich bin gespannt auf deine zukünftigen Artikel und hoffe, dass du genau jetzt daheim sitzt, stolz wie Bolle, wegen des schönen Blogs, den ihr hier aufgebaut habt. Alles Liebe, Annika

    1. junestorm 26. Oktober 2018 at 3:45 pm

      Tausend Dank!
      Ich bin absolut happy und total motiviert.
      Schön, dass es dir hier gefällt. <3

  2. Jan 24. Oktober 2018 at 7:49 pm

    Ein schöner Beitrag der zum Nachdenken anregt, zwar schweife ich ab, doch habe ich das Bedürfnis jene Gedanken die mir beim Lesen in den Sinn kamen mit dir zu Teilen.

    Ich glaube es ist einer der größten Trugschlüsse des Menschen er müsse „etwas“ sein. Von Kindesbeinen an lernen wir wie wir zu sein haben. Auf der Suche nach Liebe erliegen wir nicht selten dem Zwang diverser Rollen. Viel zu oft wird einem die Zuneigung entzogen wenn man nicht ist wie man sein soll. Drum basteln wir uns aus der Angst nicht richtig zu sein, einen Charakter anhand jenem, was uns Schutz und Liebe verspricht und tragen ihn als sei es eine zweite Haut. Diesen Charakter den wir Formen, definieren wir in unserem Leben immer mehr und er wird immer dicker. Doch je dicker die Haut ist um so weniger fühlen wir. Wir sind distanziert vom Leben und nicht selten vergessen wir, dass wir mehr sind als dieser Charakter. Erst wenn wir uns von dieser Rollen lösen, sie Hinterfrage, finden wir, wenn wir den Mut haben, das was wir unser selbst nennen aufzugeben, unser wahres ich.

    Erst wenn wir aufhören eine Rolle im Stück des Lebens zu spielen können wir wieder anfangen Autor zu sein.

    1. junestorm 26. Oktober 2018 at 3:43 pm

      Vielen Dank dafür, Jan! Ich hoffe der Text lässt einen trotzdem nicht zu sehr abschweifen. Ich glaube auch, dass der Anspruch und Druck uns so sehr einschränkt, dass der Weg zu uns selbst oft unentdeckt bleibt.

  3. Chloé 25. Oktober 2018 at 12:54 am

    This is beautiful ❤️

    1. junestorm 26. Oktober 2018 at 3:39 pm

      Thank you, Chloé!

  4. A• 25. Oktober 2018 at 1:46 pm

    Jedes Wort bist DU! Bitte mehr davon♥️

    1. junestorm 26. Oktober 2018 at 3:38 pm

      DANKE mein Herz! <3